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Leseprobe "Der Keltenprinz"

May 6, 2018

Der Keltenprinz
Tod und Verrat

J. J. Estevez
 

Beute
Crix zog die Sehne zurück, spannte kraftvoll den Bogen und nahm den Hirsch ins Visier. Kurz hielt er den Atem an, fokussierte alle seine Sinne auf den Moment.
»Wie lange willst du noch warten, Crix?«, fragte Béduan.
Die Konzentration war dahin, als er die Bogensehne losließ. Der Pfeil sirrte durch die Luft und bohrte sich mit einem Tschack eine Elle neben dem Hirschbock in den Boden. Das Tier erschrak und sprang davon.
Mit Wucht warf Crix den Bogen auf die Erde, überwand die vier Schritte Distanz und schubste seinen Freund mit beiden Händen weg. »Spinnst du? Was soll das?«
Crannog und Ennis lachten, bis ihnen die Tränen kamen. Béduan stimmte mit ein.
Resigniert schüttelte Crix den Kopf. Diese Plage wusste, wie man ihn aufzog. Der Blödian hatte nichts im Kopf, aber eine Hänselei, mit der er nerven konnte, dafür war immer Platz in seinem leer gefegten Hirn. Die Lachsalven brachen indessen nicht ab. Sein Ärger verflog rasch, als er in die Gesichter seiner Freunde sah. Schließlich konnte er nicht mehr umhin und fiel in ihr Gelächter ein.
»Haben wir nicht genug Beute für heute? Das ist Verschwendung, Crix. Das weißt du! Was sollen wir mit einem weiteren Hirsch, kannst du mir das bitte verraten?«, fragte Béduan und nickte in Richtung einer am Boden liegenden Tierleiche.
»Béduan hat recht, du bist der Einzige, der ein Pony hat«, sagte Ennis und sah in die Runde. »Das arme Tier wird kaum zwei Kadaver tragen. Ich für meinen Teil werde bei dieser Hitze keinen Hirsch querfeldein bis nach Hause schleppen. Das kannst du vergessen!« 
Die anderen stimmten mit Nachdruck zu.
Widersprüchliche Gefühle rangen in Crix. Es dauerte einen Moment, bis die Vernunft obsiegte, dann hob er die Hände. »Ist gut, ich habe verstanden. Euer Wort soll Gehör finden.« Mit einer gestelzten Geste der Arme verneigte er sich. Als er sich aufrichtete, blickte er voller Sehnsucht in die Richtung, in der das Rotwild verschwunden war. »Da geht sie dahin, meine erste stattliche Trophäe. Nur dass ihr das wisst!«
»Hört, hört, unseren Prinzen!«, rief Béduan.
Crix war getroffen und erwiderte gekränkt: »Ach, hör doch auf, du Schmarotzer.«
Béduan rempelte ihn mit der Schulter an. »Was soll das heißen? Ich bin stolz auf die Arbeit, die meine Familie verrichtet. Wir verdienen das tägliche Brot, uns wird nichts geschenkt, du verzogenes Herzchen.«
Béduans geistreiche Bemerkungen trafen jedes Mal bis ins Mark. Genug! Wütend hieb Crix mit der Faust zu.
Béduan kannte seinen Freund und duckte sich unter dem Schlag weg. »Lass es gut sein«, rief er und trat zwei Schritte zurück.
»Ja, ja, stets will unser Crix der Beste sein«, nörgelte Ennis.
»Immer besser, immer schneller!«, pflichtete Crannog ihm bei.
Crix hielt inne, die Erregung verging. Er schüttelte den Kopf und frotzelte: »Ihr seid ja nur neidisch.« Übermütig streckte er seinen Freunden die Zunge heraus und blickte auf.
Die hoch stehende Sonne sandte der Welt seit einem Mondzyklus eine Hitze entgegen, die bereits die Ernte auf den Feldern verdorren ließ. Bei dieser Aussicht auf spärliche Kornlager würde der Winter hart werden. Crix konnte sich überhaupt nicht daran erinnern, zu dieser Jahreszeit je solch eine Gluthitze erlebt zu haben, doch im Wald herrschten angenehme Temperaturen. Lichtbündeln gleich, trafen die Sonnenstrahlen auf das Blätterdach der Bäume, heizten es auf und füllten die Waldung mit würzigen Aromen. Wo die Strahlen durch das Blattwerk bis auf den Waldboden gedrungen waren, hatten sie schon am Morgen den Tau der Nacht verdampft. Der Duft von Kiefernnadeln, Pilzen, Storchschnabel, verrottendem Holz und Moos hing in der Luft. Crix atmete tief durch. Er liebte den Müßiggang im Spätsommer, die Zeit vor dem Herbst, kurz bevor die letzte Ernte eingefahren und es im Stamm wieder geschäftig wurde.
»Los, wir gehen zum Fluss und nehmen ein Bad!«, schlug Crannog vor und riss ihn aus seinen Gedanken.
»Das ist die erste gescheite Entscheidung heute«, stimmte Ennis zu. »Ab ins Wasser!«
Béduan zeigte auf den Kadaver. »Und was machen wir solange mit dem da?«
»Der kommt mit«, sagte Crix, trat zu seiner Stute und holte ein Seil aus dem Beutel am Sattel. »Macht schon, helft mir!« 
Gemeinsam hoben sie den Hirsch hoch und hievten ihn stöhnend auf den Rücken des Ponys. Man hätte meinen können, dass das Tier unter dieser Last zusammenbrechen würde, doch das Pferd gab nicht einen Protestlaut von sich. Sie banden die Beine ihrer Beute unter dem Bauch der Schimmelstute fest, damit sie nicht abrutschte, und schritten los, um sich eine Abkühlung zu gönnen.
Während sie gut gelaunt zum Fluss gingen, fühlte Crix eine große Zufriedenheit mit seinem Leben, denn er und die anderen Jungen waren, so weit er zurückzudenken vermochte, eine eingeschworene Gemeinschaft. Ein Gedanke schob sich wie eine Gewitterwolke in sein Bewusstsein und trübte kurz seine Laune, denn das Einzige, was ihm zu seinem Lebensglück noch fehlte, war die Prüfung.
Nur wenige Monde Geduld, sagte er sich, und er wäre ein Mann, ein vollwertiges Stammesmitglied. Endlich würde er am Schwert und an der Lanze ausgebildet, wäre ein berühmter Krieger. Crix schob die Ungeduld beiseite und blickte in die Zukunft. Voller Freude sah er die Aufgaben vor sich, mit denen sein Bruder Aidan ihn betrauen würde. Abenteuer, mutige Erlebnisse und Leidenschaft erwarteten ihn. Bestimmt könnte er sein Dorf vor den Boii erretten, für seinen Fürsten die ärgsten Feinde besiegen. Ihn würde man rufen: Crix, den Helden der Donnerblitze. Bereits jetzt spürte er mit jeder Faser seines Körpers den Ruhm und die Ehre, die ihm bevorstanden. Crix grinste voller Vorfreude. Die Mädchen und jungen Frauen im Dorf würden ihn anhimmeln und verehren. Ach was, Dorf, er sollte nicht so klein denken. Künftig wäre er in der Damenwelt bestimmt schon bis nach Pyrenum und darüber hinaus als tollkühner Kämpfer bekannt. Bei diesen Träumereien wurde ihm ganz warm ums Herz.
Mit Schwung sprang Ennis in den Fluss. Die Wasserfontäne, die er dabei entfesselte, traf Crix mit voller Wucht und riss ihn aus seinem Tagtraum.
»He, was soll das?«
Seine Freunde lachten. »Du träumst schon wieder mit offenen Augen, mein Lieber!«, sagte Crannog.
»Ich hab’ nur nachgedacht, was wir nachher machen sollen, ihr Spinner!«, entgegnete Crix und ärgerte sich, dass es nach einer Rechtfertigung klang. Er zog sich aus, hüpfte mit einem Satz in den Fluss und bespritzte seine am Ufer stehenden Freunde. »Auf was wartet ihr noch?«, rief er Crannog und Béduan zu. »Das Wasser ist herrlich!« Dann schob er dem badenden Ennis unvermittelt mit beiden Händen eine Welle mitten ins Gesicht. 
Ennis verschluckte sich und prustete schreiend Wasser aus.
Die Jungen befreiten das Pony von seiner Last, damit es in Ruhe weiden konnte, und verbrachten den Nachmittag am Fluss. Sie planschten und tollten, wuschen die Hitze des Tages einfach weg. 
Der Abend nahte und so bepackten die Freunde die Schimmelstute mit ihrer Beute und traten herumalbernd den Weg nach Hause an. Die Hälfte der Strecke hatten sie noch vor sich, als sie plötzlich am Waldrand von einer Schar Wegelagerer in abgehalfterter Kleidung umstellt wurden.
»Einen wunderschönen Abend. Na, wo wollen die Bürschchen so eilig hin?«
Crix erstarrte. Lärmend waren sie durch den Wald gestiefelt, als ob die Welt ihnen gehörte. Kein Wunder, dass sie alle Gesetzlosen in der Gegend auf sich gelenkt hatten wie Speck die Maden. Und dann waren sie auch noch so unvorsichtig und hatten sich wie kleine Kinder überrumpeln lassen. Was für ein Schlamassel!
Der Sprecher gebarte sich mit der Selbstverständlichkeit eines Anführers. Crix fand den Mann seltsam. Die vom Alter weiß gefärbten Haare standen im Kontrast zu den weiblichen Formen seiner Gesichtszüge.
»Das Maß an Unfreundlichkeit ist voll. Hat man euch kein Benehmen beigebracht? Was ist, bequemt sich einer von euch Bälgern, mir endlich eine Antwort zu geben?«
Crix schaute zu seinen Freunden, die unbeweglich auf den Boden starrten. Seufzend gab er sich einen Ruck. »Guten Abend, der Herr.«
Lauthals lachten die Männer auf. Rechts von Crix stand ein Braunbärtiger mit Furchen im Gesicht, die von einer mehrschneidigen Waffe zu rühren schienen, und rief: »Der Herr. Köstlich, das ist die Krönung des Tages.«
Der Weibliche grinste verschlagen. »So sprich endlich, mein junger Freund.«
Crix schluckte zwei Mal, bevor er antwortete, doch die Stimme wurde zu einem Fremdkörper und ließ ihn im Stich, als er sprach. »Ich bin nicht Euer Freund.«
Erneut quittierte die Bande dies mit Gelächter. Stille folgte. Gemütlich stützte der Anführer sich auf seinen Speer.
Crix wurde es mulmig. Er spürte, wie die Angst an ihm heraufkroch. Dennoch räusperte er sich und entgegnete: »Wir sind auf unserem Weg nach Hause.«
»Muss man dir alles aus der Nase ziehen, Bürschchen? Wo, bitte schön, ist nach Hause? Seit ihr auf dem Weg nach Opie?«
Crannog nickte überstürzt.
»Na also, es geht doch. Ihr seid schwer beladen für den weiten Nachhauseweg. Ich denke, ihr habt ein Pony und einen Hirsch zu viel, die euren Marsch unnötig belasten. Ihr werdet es nicht rechtzeitig zu eurem Abendmahl schaffen, seid ihr nicht ebenfalls unserer Meinung?«
Béduan rief: »Das könnt ihr nicht machen, ihr dreckiges Räuberpack! Wisst ihr überhaupt …«
Crix schüttelte mit Nachdruck den Kopf.
»… mit wem ihr es zu tun habt?«
Mit einem Grinsen im Gesicht blickte der Weibische zu seinen Kumpanen. »Wo bleibt denn unsere Höflichkeit, wir haben uns noch gar nicht vorgestellt. Gestattet, mein Name ist Faélen.« Er breitete die Arme zu den Seiten aus. »Und dies ist mein kurioser Hofstaat. Nun sprecht, mit wem haben wir es zu tun?«
Die Jungs richteten ihren Blick erneut gen Boden.
»Soll ich euch Beine machen«, brüllte Faélen.
Für einen Atemzug nahm Crix all den Mut zusammen und sagte mit Bestimmtheit: »Ich, Crix, Sohn des Belgios, Bruder des Aidan, des Führers der Donnerblitze, stehe hier vor Euch. Das sind meine Freunde Ennis, Crannog und Béduan. Was Ihr vorhabt, wird von meinem Bruder geahndet werden. Ihr werdet dafür sterben. Sind Euch ein Hirschkadaver und ein Pony dieses Opfer wert?«
Faélen lachte. »Hört, hört, da zeigt er mit Donner und Blitz seine Krallen, der Welpe.« Das Gelächter der Räuberbande folgte, dann verfinsterte sich das Gesicht des Weiblichen.
Crix ahnte, was hinter der Fassade vorging. Seine Knie gaben nach, fühlten sich wie Honig an. Der wollte ihn als Geisel nehmen. Bestimmt! Er wäre nicht der erste Gesetzlose, der sich damit den Lebensabend sicherte. Am liebsten hätte Crix Béduan geohrfeigt. So ein Idiot! Wegen dieses Deppen und dessen Dummheit würde er sterben, noch bevor er Gelegenheit hätte, ein Held zu sein oder einer Frau beizuliegen. Schweißperlen rannen sein Gesicht herunter. Hektisch blickte Crix zu Crannog, Ennis und Béduan. Diese Wegelagerer würden seine Freunde töten – sofort. Sie konnten keine Zeugen gebrauchen. Vielleicht ließen sie auch einen Boten am Leben. Crix flehte innerlich: Steh uns bei, Toutatis!
Faélen seufzte und schien einen Entschluss gefasst zu haben. »Nehmt ihnen das Pony mit dem Hirsch ab, wir müssen weiter zum Treffpunkt, die Zeit drängt.«
Crix atmete hörbar aus. Sein Bruder hatte ihn gerettet. Allein seinem Ruf als stolzer Krieger, der ihm weit vorauseilte, verdankte er es, dass der Lump sie gehen ließ. Allein ihm!
Widerstand gegen die Übermacht zu leisten war zwecklos. Er übergab die Zügel an den Braunbärtigen. Zu ihrer Schmach nahmen die anderen Bandenmitglieder ihnen die Waffen weg. Bogen, Pfeile, Schleudern und Messer wechselten im Nu den Besitzer.
»Es war uns ein Vergnügen, mit euch Tauschgeschäfte zu machen. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder«, sagte der Weißhaarige und drehte sich zum Gehen um.
Crix gewahrte die Entehrung und plötzlich gesellte sich Wut darüber hinzu. »Ihr Schweine werdet für dies hier büßen, das schwöre ich!« Crannog packte ihn am Arm und flüsterte: »Sei still, du wirst uns mit deinem Hochmut noch das Leben kosten.«
Doch das Räuberpack entfernte sich feixend.
Mit hängendem Kopf traten Crix, Crannog, Ennis und Béduan den Heimweg an. Das Abendessen winkte und Crix fühlte sich nach dem Fiasko so hungrig wie ein junger Wolf. Seinen Begleitern schien es nicht viel besser zu gehen, bei dem Konzert, das ihre Mägen veranstalteten. Die Schritte auf dem Weg nach Opie wurden immer schneller, bis er außer Atem die Siedlung erreichte. Das Debakel mit der Räuberbande verblasste so nah an zu Hause und er freute sich, bald etwas Handfestes zwischen die Zähne zu bekommen. Vielleicht gab es Hirschbraten oder Schwein am Spieß, und bei dem Gedanken an leckeres Rotwild lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Ungeduldig beschleunigte er noch einmal, als er sich mit seinen Freunden dem Tor näherte. Erin, eine der Wachen, eilte ihnen vor dem Durchlass entgegen. »Da seid ihr ja endlich!«
Völlig überrascht von der unüblichen Begrüßung blickte Crix den Krieger an und fühlte plötzlich dieses Bauchgrummeln. Eins von jenen, die mit ziemlicher Sicherheit schlechte Nachrichten anzukündigen pflegten.
»Crix, beeil dich, sie warten in der großen Halle auf dich, dein Bruder ist tot!«
Crix wurde speiübel, der Appetit verflog. Ohne ein weiteres Wort ließ er seine sichtlich vom Schock benommenen Freunde stehen und rannte los.

 

***

 

In der gleichen Nacht tauchte ein Mond, aus dem die Götter in ihrer Willkür ein Stück herausgetrennt hatten, die Erde in sein fahles Licht. Die Sterne flimmerten am Firmament und hüllten die Welt unter einer ehrwürdigen Lichterkuppel ein. Karge Kumuluswolken zogen am Erdbegleiter vorbei. Und das Mondlicht, das sich durch die vereinzelten Wolkenfetzen stahl, erzeugte eine bedrohliche Atmosphäre. Die Zeit, eng zusammenzurücken, um sich am Lagerfeuer Geschichten und Geheimnisse zu erzählen, schien gekommen. 
Eine Sommerbrise umschmeichelte den Laubwald, der, mit Farnen, Bodendeckern und allerlei Gestrüpp durchwirkt, die abseits des Dorfes gelegene Lichtung ringsum abschottete. Massive Felsen, von der Erde zu genau diesem Zweck geboren, reckten ihre sich in der Düsternis abzeichnenden Silhouetten gen Himmel wie skurrile Skulpturen. Eine Naturbühne, die jeden Überblick verwehrte, von den Göttern perfekt für die Vorstellung bereitet. 
Das Raubtier war in einen Umhang aus feinem Stoff gehüllt, der es vor Blicken verbarg, und verschmolz mit dem Steinbrocken, den es als Jagdsitz auserkoren hatte. Seit einer Weile lag es auf der Lauer, wartete auf das Opfer und konnte die Erregung kaum mehr ertragen. Endlich würde es das erste Mal töten. Seit Tagen freute es sich auf diesen Moment. Auf den Moment, wenn der Tod kam und sich sein Opfer holte. Den Moment, wenn das Leben aus dem Körper wich. Auf den Moment der Erkenntnis, der Gewissheit, die es in diesem einen Augenblick voller Herrlichkeit erlangen würde. Wo blieb sie nur? Es kaute auf seiner Unterlippe.
Wenige Herzschläge später hörte es Geraschel in den Büschen, Schritte, schließlich betrat sie die Lichtung und rief: »Liebster, wo steckst du?«
Der Weg durch den finsteren Hain schien Furcht und Schrecken in ihr genährt zu haben, denn es vernahm Unsicherheit in ihrer Stimme. Stille folgte. Lediglich der Wald antwortete mit seinem Reichtum an Rufen, Knistern, Rascheln, Pfeifen und Rauschen. Hektisch blickte sie nach allen Seiten.
Es musste lächeln, denn ihre reizvolle Ängstlichkeit stieg ihm trotz der Entfernung in die Nase.
»Hast du dich versteckt, du Idiot?«
In seinem Versteck verharrte es und beobachtete, labte sich an ihrem Unbehagen, fühlte seine Überlegenheit. Was es im Halbdunkel erkennen konnte, gefiel ihm. 
Ihre Umrisse betörten es, ließen Schauer durch seinen Körper fahren. Sein Geschlecht wurde hart wie der Stein unter ihm. Für den Bruchteil eines Momentes dachte es darüber nach, wie es wäre, ihr beizuschlafen, sie hart zu nehmen, seine Lust an ihr zu stillen, dazu hatten sie sich ja schließlich verabredet.
Geräuschlos stieg es von dem Gesteinsbrocken und trat hinter sie. Ein letzter Spaß noch, dachte es spontan, lächelte und tippte ihr auf die Schulter, um sie zu erschrecken.
Ihr Kreischen schrillte durch die Nacht, etwas schimmerte in ihrer Hand, während sie sich umdrehte.
Feuer brannte urplötzlich an seiner rechten Seite, fegte ihm die Luft aus den Lungen. Es trat instinktiv einen Schritt zurück und griff an die Körperqualen verursachende Wunde. Ungläubig hob es die Hand und betrachtete sie. Überall Blut und es verspürte eine unbändige Wut, die jeden Schmerz verdrängte.
»Du?«, rief sie. »Ich hab’ dir doch gesagt, du sollst mich nicht erschrecken, du Blöd…«
Mit Gewalt krachte seine Faust in ihr Gesicht. Sie wurde zu Boden geschleudert, stürzte mit dem Kopf gegen einen Stein, das Messer entglitt ihren Fingern. Schon war es über ihr, klammerte seine Hände wie einen Schraubstock um ihren Hals und drückte zu. Sie war benommen, wehrte sich kaum. Fester und fester packte sie sein Griff, um das Leben aus ihr zu pressen, hinterließ tiefe Markierungen an ihrem Hals. Der Tod kam und das Leben ging unbemerkt, während es in ihr Gesicht starrte. Die Erkenntnis blieb aus.
Die Arme zum Nachthimmel reckend, knurrte es: »Diese Ungeduld.« Es schmeckte die Bitterkeit des Fehlschlags und verließ den Schauplatz des Geschehens. »Nie wieder Fehler. Bei Lug, ich werde Erkenntnis erlangen!« Und die Worte, wie Bruchstücke aus dem Rachen einer Bestie hervorgestoßen, hatten jede Menschlichkeit verloren.
 
Tod eines Fürsten
Die Herbstsonne schien auf die Trauernden herab. Es war, als wollte sie all ihre bis zum Winter verbleibende Kraft für das schwermütige Ereignis verschenken. Crix schüttelte den Kopf über die Wetterkapriolen der letzten Mondzyklen. Die Götter kannten kein Mittelmaß. Sie wechselten Hitze mit Kälte und Trockenheit mit Überschwemmungen ab, um diese Folge nach ihrem Ablauf von Neuem zu beginnen. Zurzeit mochte ihnen wieder einmal nach Hitze sein, anders konnte er sich die Gluthitze mitten im Herbst nicht erklären. In den ungewohnten Gewändern, die er trug, litt Crix unter der Temperatur. Schweißtropfen rannen über sein Gesicht wie Tränen. Er wischte die Schweißperlen auf der Stirn mit dem Arm weg und blickte auf. Am Himmel zog nicht eine Wolke vorbei. Kein Wunder, bei der Masse an Wasser, die die Götter gestern auf die Erde niedergesandt hatten.
Crix hätte Opie nie als eine Kapitale bezeichnet, das wäre eine glatte Übertreibung gewesen, selbst für einen Vindeliker. Doch immer mehr Menschen waren von nah und fern zusammengekommen, sodass sich der Trauerzug inzwischen auf eine Länge von tausend Ellen erstreckte. Der Zug würde noch wachsen. Crix belächelte diesen Irrsinn. Er spürte eine Hand an seiner Schulter und drehte sich um.
»Das sind bestimmt zweitausend Köpfe«, sagte Ennis, der seine Gedanken zu erraten schien.
»Das ist Wahnwitz. Opie ist nicht auf solch einen Menschenauflauf vorbereitet«, erwiderte Crix. 
»Kompletter Wahnsinn. Der Pulk verstopft schon die Wege und Plätze im Dorf«, warf Crannog ein, der neben ihnen ging.
Béduan rümpfte die Nase. »Wir sollten die alle fortschaffen. Die brauchen wir hier nicht.«
Ennis lachte auf. »Wohin? Selbst die Weiden und Felder vor der Siedlung sind von ihnen besetzt. Die Siedlung platzt aus allen Nähten.«
»Lasst sie, sie sind alle nur hier, um meinem Bruder die letzte Ehre zu erweisen.« Das wollte Crix zumindest gerne glauben.
Und schon stach Béduan in die sich öffnende Wunde. »Deinem Bruder die Ehre erweisen, dass ich nicht lache. In welcher Welt lebst du nur? So viele Schmarotzer hat dein Bruder nicht gekannt! Hast du noch nicht von den Begräbnispilgern gehört, die der Schaulust und des Essens willen Großereignisse besuchen?«
Crix fühlte, wie er wütend wurde, doch Ennis kam ihm zuvor und rempelte Béduan freundschaftlich mit der Schulter an. »Halt dich heute mal zurück, Bédu. Du bist ein richtiger Bauerntrampel.«
Crix schnaufte und krauste die Nase. Begräbnispilger, ha! Aidan war erst Mitte zwanzig gewesen, als der Tod ihn nach Anderwelt geholt hatte. Aber er war ein Held gewesen, ein weit über die Grenzen hinweg bekannter Stammesfürst, redete er sich ein. Und Crix fühlte, wie ihn die Liebe zu seinem Vorbild durchströmte.
Sein Bruder war ein geborener Anführer gewesen, dachte Crix stolz. Mit Stärke hatte Aidan seine Ansichten durchgesetzt. Sein Urteil war stets von angemessener Härte gewesen. Crix lächelte. Und wie er ihn für seinen Gerechtigkeitssinn bewundert hatte. Zu jeder Zeit hatte sein Bruder sich den Respekt aller verdient.
Neben den Jungen lotsten Aidans Getreue ihren Herrn gemessenen Schrittes auf seinen Weg in ein neues Leben. Crix blickte sich um. Viele Krieger und Clanführer der benachbarten Stämme, die Aidans Tapferkeit und Integrität schätzten, hatten sich eingefunden. »Pilger, ha! Schaut euch um. Die Sippen der Hirschkrieger, der Wolfshunde und der Eberhauer erweisen ihm heute ihre Achtung. Sogar die verhassten Boii aus dem Stamm der Luchskrallen sind gekommen. Darauf kann ich doch wohl stolz sein, oder?«
Ennis klopfte ihm auf die Schulter. »Du hast recht, die sind heute überaus zahlreich erschienen.«
»Kein Weg ist denen zu weit, Hauptsache, Aidan geht in die gesegneten Inseln von Caer Arian ein«, sagte Crannog.
»Auf dass der gefürchtete Krieger nie wieder zurückkommen möge«, fügte Béduan hinzu.
Crix sah auf den mit Leinöl einbalsamierten Leichnam seines Bruders, der auf dem Wagen vor ihm aufgebahrt lag.
Trauer überfiel ihn. Wie eine Welle pflanzte sie sich in seinem Körper von unten nach oben fort, bis sie ihm schließlich wie ein Pfropfen im Hals stecken blieb. Schon kündigten sich Tränen an, doch er kämpfte den einsetzenden Tränenfluss tapfer nieder. Mit fünfzehn erlebten Sommern galt er fast als Mann und wollte sich keine Blöße mehr geben, erst recht nicht vor Béduan.
Crix sah in die Gesichter des Trauerzugs und mit einem Mal befiel ihn das Gefühl, dass keiner im Stamm sich dafür interessierte, was wirklich passiert war. Die Geschichte war für sie geklärt, abgeschlossen. Wie Blätter im Herbstwind würden sich alle vom Leben einfach weitertragen lassen. Er brauchte sich nichts vorzumachen.
Vehement ballte Crix seine Hände. Erkannte denn keiner die Tragweite? Wollte niemand die Wahrheit sehen? Ein Unglück, ein Unfall, ha! Ein feiger Mord! Er wusste es mit Bestimmtheit. Anders war die Bezahlung der gedungenen Komplizen nicht zu erklären, die er zufällig beobachtet hatte. Schließlich verschenkte der schäbige Mörder sein Geld nicht grundlos. Crix schüttelte den Kopf. Niemand würde ihm Glauben schenken, nicht ohne Beweise. Und als Kind durfte er nicht einmal daran denken, einen der respektiertesten Krieger im Stamm zu einem Gottesurteil herauszufordern. Was für ein verdammter Schlamassel! 
Er fühlte, wie der Groll ihn zu übermannen drohte. Eine Hand klopfte ihm freundschaftlich auf den Rücken.
Erneut zeigte Ennis Feingefühl. »Ganz ruhig, Crix, sonst wirst du die Trauerfeier nie überstehen.«
Crix atmete tief durch und öffnete seine Fäuste. Wie Fremdkörper hatten sich seine Nägel in die Handflächen gebohrt. An einer Stelle quoll Blut hervor, bildete einen Tropfen, der immer schwerer wurde und zu Boden fiel. Crix bemerkte es nicht, konzentrierte sich instinktiv auf die Details vor seinen Augen. Und endlich gewann er wieder geistigen Abstand.
Ornamente, die jede noch so kleine Fläche aus Metall bedeckten, verzierten das an den Rändern mit Eisen beschlagene vierrädrige Gefährt. Ein Schlachtross, dessen Kopf das Haupt eines Mannes um bestimmt drei Fuß überragte, zog den Karren. Durch den Regenguss am Vortag hinterließ der Hengst Hufabdrücke auf dem Weg und die Räder zogen Furchen in den aufgeweichten Boden. Der kolossale Fuchs, dessen Mähne in der Sonne glänzte wie Stroh, war das Lieblingstier seines Bruders gewesen. Das Pferd war eine Kostbarkeit aus fernen Landen, ein Geschenk des Fürsten und Aidan mehr wert als zwanzig Krieger, gar mehr als seine Gefährtin. Deshalb würde das Tier seinem Herren schon bald auf die Reise nach Anderwelt folgen.
War das wirklich sein Clanführer, der da auf dem Wagen lag? Der Bruder, den er stets bewundert hatte? Aidan der Fröhliche, der ihm immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden? Crix schien ein Trugbild zu erleben, ziellos durch die Irrealität zu treiben. Steckte er in einem Albtraum fest, dessen tiefgründige Botschaft sich jedem Begreifen widersetzte, egal, wie lange man darüber nachdachte?
»Aidan soll mit einer Mühe und Sorgfalt hergerichtet worden sein wie niemals jemand zuvor«, sagte Crannog und klang stolz.
Béduan verzog den Mund. »Schaut euch sein Gesicht an. Der Leichnam sieht nicht mehr aus wie Aidan. Wenn die rituelle Mistelkrone auf seinem Haupt nicht wäre, wüsste ich nicht, dass da unser Clanführer vor uns liegt.«
Béduans makabere Art war es, was Crix an diesem Tag noch brauchte. Er musterte den Leichnam seines Bruders, die Haut spannte sich über die Knochen. Sein Mund glich einer offenen Höhle, aus dem die Zähne ohne jeglichen Frohmut grinsten. 
»Ein Spottbild«, stammelte Crix mit brüchiger Stimme und eine Träne entfleuchte ihm in diesem Moment. Panisch blickte er sich um. Nichts fürchtete er mehr, als dass ihn jemand als Kleinkind entlarven könnte. Dann traf ihn die Erkenntnis: Bei dem vielen Schweiß würde keiner den Unterschied bemerken. Er schalt sich einen dummen Jungen, schüttelte den Kopf über die eigene Blödheit und sah erneut den Verstorbenen an.
Ein goldener Halsring zierte Aidan. Das Gewicht des fein ziselierten Torques hinterließ Abdrücke am Hals, gab stummes Zeugnis der Bedeutung seines Bruders für den Stamm. Plötzlich spiegelte sich das Licht der Sonne auf der Oberfläche des Ringes. Geblendet wandte Crix sich ab.
Mühsam, einer Schnecke gleich, zog der Trauerzug in Richtung Grabhügel über den Untergrund, der die Wassermassen des Vortags aufgesaugt hatte wie ein Schwamm. Die Flötenspieler staksten am Kopf des Zuges durch den Schlamm. An diesem Tag mussten sie sich die für die Feierlichkeit notwendige Erhabenheit hart erkämpfen. Im Gegensatz zu ihren körperlichen Anstrengungen schwebte ihre Melodie mit Leichtigkeit durch die Luft. Die Musik hüllte die Menschenschlange in eine schwermütige Tonfolge, die einzig vom Klagen und Jammern einzelner Trauernder durchbrochen wurde. 
Der Druide folgte ihnen mit seinen Lehrlingen. Für die Zeremonie waren sie in Weiß gekleidet und die Säume der Gewänder hatten die Farbe der Erde bereits gierig aufgesogen. Scheinbar völlig unbeeindruckt vom Schlamm schwankten sie, wie es sich für den Anlass geziemte, in religiöser Rhythmik und Anmut voran. Den Dienern der Götter schloss sich, von zwei Kriegern eskortiert, das Trauergespann mit dem Toten an. Schließlich kam der Wagen vor der Rampe aus Stein zum Stehen, die in das Innere des Grabes führte.
Des Schicksals Absichten waren ihm und seiner Familie nicht gewogen, dachte Crix betrübt. Seine Sippe war bedroht, nur noch der Onkel und er waren übrig. Gut, streng genommen gab es da noch Eithne, seine Schwester, aber … Einem Impuls folgend sah Crix zu ihr hinüber, doch Eithne richtete ihren Blick zu Boden, nahm ihn gar nicht wahr. Dafür veranstalteten ihre Bälger einen gehörigen Krawall, jetzt, da sie am Ziel angekommen waren. Crix ärgerte sich über die Neffen, hob den Zeigefinger zum Mund und rief sie mit einem Pscht zur Vernunft. Erstaunt hob er die Augenbrauen, weil diese Maßnahme wirkte.
»Ich weiß nicht, warum meine Schwester sich mit ihren Kindern so anstellt, Klein-Aidan und Joséa hören doch und scheinen vernünftig zu sein«, sagte er.
»Eithne hat mit Dunmor das beste Stück vom Braten erwischt, das muss man ihr lassen«, flüsterte Béduan.
Ennis grinste. »Das hat keiner geahnt, dass der Fürst der Fürsten sich bei der Brautschau für eine Provinzlerin entscheiden würde.« Crannogs Miene war entrückt. »Ihr Liebreiz hat ihn verzaubert.«
»Ich glaube, die Eithne hat jemand ganz anderen bezirzt«, warf Béduan ein.
Die Jungen lachten und die Umstehenden drehten sich zu ihnen um.
Seine Schwester schaute ihm in die Augen, Crix spürte den Tadel in ihrem Blick. Bedauernd schüttelte er den Kopf und strich sie endgültig von seiner Liste. Schon zu lange lebte sie mit ihrer Familie im illustren Pyrenum und interessierte sich kaum mehr für die Sippenangelegenheiten. Eithne würde ihm nicht helfen, dachte Crix betrübt. Wenn es darum ging, Gerechtigkeit für die Schandtat an Aidan zu erlangen, war er auf sich allein gestellt.
Die trüben Gedanken abwerfend, verkündete Crix stolz: »Selbst Dunmor hat sich von seinen Amtsgeschäften befreit, um sich von Aidan zu verabschieden.«
Béduan zog ihn erneut auf den Boden der Tatsachen zurück. »Es ist ja wohl die Pflicht des Fürsten, dem Mann die letzte Ehre zu erweisen, der bisher die Nordostflanke seines Reiches gesichert hat. Das ist das Mindeste, was man von Dunmor, diesem aufgeblasenen Specht, erwarten kann.«
Diesmal blieb Crix kalt. Er schaute sich um und sah am Tross entlang. Aidans Gefolgschaft, entfernte Familienangehörige, Freunde, Bekannte und Auswärtige bildeten den Hauptteil des Pulks. Eine Menschenkolonne, die sich bis zum Horizont erstreckte.
Der Grabhügel in der Mitte, noch nicht zur Gänze aufgeschüttet, wurde von beiden Seiten durch Steinbrocken und Holzpfosten gestützt. Ein Gang war entstanden, der in das Zentrum des Hügels führte.
Über die Rampe betrat Crix die von der Sonne aufgewärmte Grabkammer, in der sich die Süße der Verwesung ausgebreitet hatte. Sein Blick wurde magisch in die rechte Ecke des Raumes gezogen. Voller Kummer schüttelte er den Kopf. Dann unterzog Crix ein weiteres Mal die aus Eichenstämmen geschichtete Kammer einer Inspektion, um erneut festzustellen, dass alles an seinem Platz war.
Zufriedenheit durchströmte ihn. Seinem Bruder würde es auf der Reise ins nächste Leben an nichts mangeln. Nichts fürchtete ihre Glaubensgemeinschaft mehr als die Heimsuchung durch Wiedergänger, die nicht in ihr künftiges Leben fanden. Alle hatten gegeben, auch die Gegner, und so war Aidans Ruhestatt prall mit Gaben gefüllt. In einer mannshohen Amphore aus Ton stand mehr als genug Cervisia für seine Gelage im Jenseits bereit. Gleich rechts, eine Armlänge daneben, befand sich die Liege aus Bronze, die Aidans letzte Ruhestätte werden sollte.
Die Frauen des Dorfes hatten die ganze Nacht für die Feierlichkeit gekocht und eine tönerne Schale, groß wie ein Wagenrad und der Würde ihres Führers entsprechend, bis zum Überfluss gefüllt. Schweinebraten, Hasentopf, Gemüse, Nüsse, Früchte, Getreidebrei, Fasanbraten und eine Hirschkeule würden in Anderwelt keinen Hunger aufkommen lassen. Crix lächelte zufrieden. Aidan konnte sich alle Zeit der Welt nehmen, bis er ein Gefäß für sein nächstes Leben erlangte, das sein Gefallen fand. Dann sah er sich weiter im Raum um.
Auf der Reise ins nächste Leben war Aidan seinen Feinden keineswegs schutzlos ausgeliefert. Sein mit Ranken verziertes Schwert ruhte in der Scheide, die für das Ereignis nachträglich mit Goldplättchen und Bernstein pompös geschmückt worden war. Aidans Jagddolch und eine zehn Ellen messende Lanze würden seine Gegner eines Besseren belehren, sollten sie versuchen, sich in Anderwelt mit ihm zu messen.
Schließlich lagen in einer Holzschale neben der Liege Nagelschneider, Kamm und Rasiermesser, denn Körperpflege war dem Toten überaus wichtig gewesen.
Crix kämpfte Trauer und Melancholie nieder und deckte respektvoll alle Beigaben mit rituellen Tüchern ab. Zur Zierde streute er Zweige und Blumen aus. Am Schluss fügte er Kräuter hinzu, die das Grab mit herben Düften erfüllten.
»Die Seelen deiner Feinde werden dich hier nicht stören, geliebter Bruder«, flüsterte Crix. Bevor er ins Sonnenlicht hinausging, holte er tief Luft und bemühte sich, Stolz auszustrahlen, den er in diesem Moment nicht empfand. Die Wärme der Sonne breitete sich auf seiner Haut aus, als er in die Runde der Wartenden nickte.
Direkt am Eingang des Grabes stand Siridean, der Druide, und schaute ihm in die Augen. »Beim Toutatis, lass es uns hinter uns bringen, mein Neffe.«
Wortlos blickte Crix zurück. Sein Kopf schien von den Herbstwinden leer gefegt. Er wartete, bis die Massen nach und nach eintrafen und mit der Zeit einen Schwarm bildeten, der die Ebene vor der Grabstätte verstopfte.
Am Himmel war die Sonne ein Stück weitergezogen und den Rabauken seiner Schwester schien die Langeweile zuzusetzen. Anders konnte Crix sich nicht erklären, warum Klein-Aidan seinem Bruder plötzlich ans Schienbein trat. Joséa schrie auf. Die Umherstehenden drehten sich um, Vorwurf oder Schlimmeres im Blick, so zumindest deutete es Crix.
Offensichtlich las Joséa aus diesen Gesichtern etwas anderes heraus, denn er revanchierte sich sogleich mit einem Fausthieb in den Bauch seines Bruders. Klein-Aidan quittierte den Stoß mit einem »Au!«.
Missbilligend sah Crix zu Eithne, um ihr zu verdeutlichen, sie solle ihre Bestien endlich maßregeln. Aber ihr Antlitz verriet die Resignation einer Mutter, die solche Situationen zu oft erlebt hatte. Sie zuckte mit den Schultern, wie um ihm zu sagen, dass sie in dieser Angelegenheit nichts zu melden habe.
Das konnte doch nicht ihr Ernst sein, das war ein Verstoß gegen jede Etikette. »Joséa, Aidan, hört sofort damit auf!«, rief Crix.
Als Antwort darauf fielen die Streithammel übereinander her und landeten im Matsch. Unter Geschrei zogen sie sich gegenseitig an den Haaren und wälzten sich im Morast.
Empört sah Crix seinen Schwager an.
Dunmor verzog keine Miene, kein Wort verließ seinen Mund. Er stand neben Eithne. Seine Augen schienen in Trance eine andere Realität zu erblicken.
In diesem Moment rollten Crix die Kämpfenden vor die Füße. Er kochte vor Wut, doch bevor er handgreiflich werden konnte, reagierten Ennis und Béduan. Sie zogen die Zänker aus dem Dreck und trennten sie.
Der Tumult flaute ab, als die Sonne sich ihrem höchsten Stand näherte. Dunmor, seine beiden Vettern Brennus und Pòl und ein Krieger, den sie ›den Ochsen‹ nannten, hoben Aidan vom Wagen und trugen ihn mit ins Grab. Behutsam legten sie ihn auf seine letzte Ruhestatt. Aidans Liege war zuvor vom Druiden mit einem Kissen aus Eichenblättern gesegnet worden, um ihr Oberhaupt in Anderwelt vor Krankheit und Gebrechen zu schützen. Zudem bedeckten Felle von Mardern und Iltissen die Liege, um ihn komfortabel zu betten.
Schließlich wandte der heilige Mann sich an die zwei Begleiter des Toten. »Gurtet das Pferd ab, wir müssen vor dem Mittag mit der Opferung des Tieres beginnen, damit es bei Tageslicht den Weg an Aidans Seite findet.«
Schwermut überkam Crix. Er sah zu, wie sie dem Pferd das Zaumzeug abnahmen, ihm die Augen verbanden, um es nicht zu beunruhigen, und es in die Kammer führten. Der Druide, Adelige des Stammes und Crix folgten ihnen, drängten sich alle in den Raum, dessen Wände eine Baumlänge messen mochten. Seine Schwester, Crannog, Ennis und Béduan warteten mit den verschlammten Kindern vor dem Eingang.
»Es wird Zeit«, sagte Siridean und schaute die zwei Krieger an. Die Männer, die das Pferd hielten, trugen lediglich Beinkleider. Um den Verstorbenen zu ehren, zeigten sie stolz ihre nackten, mit blauen Opferranken bemalten Oberkörper.
Der Druide trat an das Tier heran und sagte: »Epona, Mutter der Pferde, Göttin der Fruchtbarkeit, die du alle Lebewesen schützt und nährst, nimm unsere demütige Gabe an, auf dass weder Aidan noch sein geliebter Eachainn in ihrem nächsten Gefäß Mangel leiden mögen.«
Crix meinte einen Zug der Trauer im Gesicht seines Onkels zu erkennen, als dieser kurz zur rechten Seite der Grabstätte blickte. »Seiner Gattin Aignéis, die sehnsüchtig auf ihn wartet, mögest du gnädig sein. Segne ihre Opferweihe mit vielen Kindern im nächsten Leben. Epona, gütige Mutter unserer allumfassenden Natur, schenke ihr Gesundheit auf immerdar, auf dass sie in ihrem zukünftigen Gefäß immerwährenden Wohlstand und Glück findet.«
Siridean schloss die Augen und stimmte ein eintöniges Brummen und Singen an. Nach und nach schwoll es an, erfüllte den Raum, bis Crix sich ihm nicht mehr entziehen konnte. Er und die anderen Anwesenden gerieten in eine Art Trancezustand.
Der Druide schien besessen, verfiel in Zucken und Rucken, Schlängeln und Krümmen, bis er seine Beschwörung abrupt beendete. Energisch rammte Siridean mit der Hand den Zeremonienstab in den Boden.
Einer der Krieger nahm das Jagdmesser aus dem Gürtel seiner Braken und zog es mit Leichtigkeit durch den Hals des Hengstes. In diesem Augenblick der Magie verharrte Eachainn reglos. Der Lebenssaft verließ ihn in Schüben. Das Blut schwoll zu einem roten Strom an und floss in eine verzierte Schale, die der Druide unter das Pferd hielt. Kurze Zeit später sackte das Tier, von beiden Männern gestützt, auf die Knie und stieß seinen letzten Atemzug aus.
Traurig trat Crix aus dem Grab.
Siridean folgte ihm, wartete, bis alle draußen waren und wandte sich an die bereitstehenden Sklaven: »Bringt dem Hengst meines Neffen Wasser und Heu, damit er auf seinem Weg zu Aidan gut versorgt ist, dann versiegelt das Grab und schüttet es zu!«
Damit drehte er sich um und wandte sich an die wartende Gesellschaft. »Heute ist es so weit. Wir wollen unser Oberhaupt mit einem letzten Mahl ehren, danach treffen wir uns nach Sonnenuntergang am Baum des Lebens, um unseren neuen Herren zu bestimmen.«
Hass und Groll übermannten Crix, als er die Worte hörte. »Ich schwöre, Rache zu nehmen für den Mord an meinem Bruder«, versprach er sich wispernd.

 

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